LMAA


Jede Einzelsprache hat ihre Varietäten. Ob Dialekt, Umgangssprache oder Regiolekt, Varietäten erweitern oder modifizieren die jeweilige Einzelsprache, können jedoch unabhängig von dieser nicht existieren. Auch die Jugendsprache gehört zu diesen Varietäten und hat in erster Linie die Funktion, eine Abgrenzung zur Erwachsenenwelt vorzunehmen. Generell ist eine Abgrenzung, sowohl für die Entwicklung, als auch für das Herausbilden der eigenen Persönlichkeit, für einen Menschen von großer Bedeutung. Früher konnte wenigstens noch der Kleiderschrank oder die Musikbibliothek Auskunft über die Generation geben und Technik oder Computer waren in der Nutzung bevorzugt der Jugend vorenthalten. Da sich allerdings mittlerweile weder aus Kleidung, Umgang mit Technik, oder Computernutzung Unterschiede zwischen jung und alt erkennen lassen, kommt der Sprache die weitaus größere Bedeutung zu, die Trennungslinie zu ziehen.

Für die Jugend bedeutet eine eigene Sprache ein Geheimcode, der in der Öffentlichkeit verwendet werden kann und von Erwachsenen, bevorzugt den eigenen Eltern, nicht verstanden wird. Außerdem signalisiert sie die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Gleichgesinnten und Gleichsprechenden. Dass die Jugendsprache kein Ding der Neuzeit ist, belegen Worte wie geil, astrein und cool, boahey, superaffengeil und knorke, die noch Überbleibsel aus früheren Jugenden sind.

Vernünftige Erwachsenen leisten hier bei den Jugendlichen Entwicklungshilfe und sehen die Jugendsprache als erforderlich und glücklicherweise auch als kurzlebig an. Unvernünftige Erwachsene wollen ihre Kinder in allen Belangen verstehen und auch wissen worüber die Nachkommenschaft nachdenkt und spricht. Mit großem Einsatz und Elan versuchen also viele die Sprache ihrer Kinder zu lernen und zu sprechen und verhindern somit das Herausbilden eines Alleinstellungsmerkmals.

Wer nur da die Rechnung nicht ohne unsere Kinder gemacht hat. Altbewährt, haben sich Akronyme zum neuen Retter der Jugend heraus kristallisiert. Noch vor wenigen Jahren als Abkürzungen missbraucht um die 160 Zeichen einer Kurznachricht perfekt zu nutzen, stellen sie heute den Kern der Jugendsprache dar.

BM und BN, ROFL und LOL, CU und CYA manchmal auch F2F, GL und GLG bis hin zu IRL. kA, kB und kP oder vielleicht ATM? BTW, TA. Sehr selten findet sich sogar ein TIL im Text.

Wer die einzelnen Abkürzungen nicht verstanden hat, versteht dadurch sofort den unschlagbaren Vorteil von Akronymen. Erstens lässt sich die Wortbedeutung nicht aus dem Zusammenhang erschliessen und zweitens eignen sich Akronyme kaum für ein Gespräch. Akronyme finden sich bevorzugt in Chats, iMessages, WhatsApps und anderen Kurznachrichten, die über Handy oder Internet ausgetauscht werden. Eine Jugendsprache im herkömmlichen Sinn existiert also nicht mehr. Auch wenn die Abschaffung der Jugendsprache als Konsequenz zwar gewagt scheint, so ist sie für die nachfolgende Generation dennoch wirkungsvoll.

Am Ende bleibt nur die Hoffnung auf die treffende Einsicht, die Paul Claudel schon hatte, als er da so einleuchtend schrieb:

„Bevor man die Welt verändert, wäre es vielleicht doch wichtiger, sie nicht zugrunde zu richten.“

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